Vom Segen und Fluch der Bioenergie
Fachsymposium mit Gästen aus Naturschutz, Verwaltung, Land- und Forstwirtschaft an der Hochschule
Höxter (nw). Der Kreis Höxter ist geprägt von einer vielseitigen Kulturlandschaft mit sanft geschwungenen Bergzügen, Feldern, Wäldern und Weiden. Doch zunehmend prägen auch riesige Monokulturen wie Mais- und Rapsfelder die Region. Pflanzen, die für die Biogasanlagen gebraucht werden, deren umfangreicher Anbau aber auch Umweltschäden hervorruft. Über Segen und Fluch der Bioenergie diskutierten jetzt mehr als 100 Gäste aus Naturschutz, Kommunalverwaltung, Land- und Forstwirtschaft an der Hochschule in Höxter bei einem Fachsymposium.
Die Landschaft im Kreis Höxter lädt zur Entspannung und Erholung ein. „Wo die Seele ihre Sorgen verliert“, heißt es in einem der Touristenführer des Kreises. Darüber hinaus zeichnet sich die Region aber auch durch eine technologisch innovative Seite aus. Auf exponierten Lagen haben längst Windräder Einzug gehalten, auf vielen Dächern leisten Photovoltaikanlagen ihren Dienst, Forstflächen liefern vermehrt Holzbrennstoffe und die Landwirtschaft erarbeitet sich mit der Biogasproduktion ein weiteres Standbein.
Die Bioenergieregion Kulturland Kreis Höxter begleitet diese Entwicklung der erneuerbarer Energien und den damit verknüpften Anbau von Energiepflanzen. „Leidet die Vielfalt von Flora und Fauna unter dem veränderten Biomasseanbau?“, ist eine heutzutage viel gestellte Frage.
Prof. Dr. Ulrich Riedl, federführend für die Begleitforschung, legte dabei die Schwerpunkte der Analyse auf das Landschaftsbild und die Artenvielfalt. Im Teilprojekt „Landschaftsvielfalt“ wurden Menschen gebeten, ihre Wahrnehmung von Felder mit Energiepflanzen zu bewerten. Anhand computergestützter Landschaftsbildsimulationen wurden unterschiedliche Anbauvarianten gezeigt. Die Testpersonen konnten eine persönliche Einschätzungen abgeben, wie die Landschaft auf sie wirkt.
Erste Ergebnisse dazu wurden auf der Tagung „Biomasse versus Kulturlandschaft?“ in Brakel präsentiert. Das große Interesse zeigte die besondere Brisanz dieser Fragestellung für den Kreis Höxter. Riedl betonte, dass die Frage, ob Biomasseanbau zu Lasten der Kulturlandschaft geht, nicht pauschal mit ja oder nein beantwortet werden könne. „Die Veränderung des Landschaftsbildes hat nicht erst mit dem Anbau von Energiepflanzen, sondern mit dem landwirtschaftlichen Strukturwandel vielerorts zu einer Monotonisierung der Landschaft geführt“, so Riedl, der an der Hochschule OWL den Lehrstuhl für Landschaftsökologie und Landschaftsplanung inne hat.
Die Untersuchung der Artenvielfalt werfe ähnliche Probleme auf. Am Beispiel der unterschiedlichen Lebensräume für regionale Vögel- und Käferarten werde deutlich, dass es keine universelle Lösung gebe. Es könnten nicht für alle Naturräume des Kreises eine einzige Standardlösung zur Steigerung der Artenvielfalt angeboten werden.
„Viel wichtiger ist es, fallspezifisch nach möglichen Ansätzen zu suchen, die dem Anbauer auch aus ökonomischer Sicht zuzumuten ist“, so Riedl weiter. Mögliche Lösungsansätze seien beispielsweise Blühstreifen, Ackerrandstreifen, Uferrandstreifen oder doppelter Saatreihenabstand.
Der Forscher machte deutlich, dass die Hochschule es in jedem Fall vermeiden werde, „vom Elfenbeinturm herab bestimmte Maßnahmen zu diktieren“. Vielmehr gehe es darum, den Austausch zwischen Naturschutz, Landschaftsplanung und praktizierender Landwirtschaft zu ermöglichen und zu stärken, um vorgeschlagene Maßnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Prüfstand zu stellen.
„Falsche Rahmenbedingungen führen zu Fehlentwicklungen“
Die Diskrepanz zwischen Biomasseanbau und Kulturlandschaft stand im Mittelpunkt des Fachsymposiums, das vom Kreisprojekt „Bioenergieregion Kulturland Kreis Höxter“ gemeinsam mit der Hochschule OWL auf dem Campus Höxter veranstaltet wurde.
Dabei ging es in Fachvorträgen und Diskussionen um die Leitfrage, wie zum einen der Biomasseanbau im Kreis Höxter gestaltet und zum anderen die Vielfalt von Landschaft und Arten erhalten und entwickelt werden können. Prof. Dr. Harald Laser von der Fachhochschule Südwestfalen versetzte die Besucher in die Sicht des landwirtschaftlichen Betriebsleiters.
In Zeiten schwankender Weltmarktpreise sei es verständlich, dass Betriebsleiter die Chancen bei der Erzeugung erneuerbarer Energien nutzen möchten.
Dabei trugen vor allem „politische Rahmenbedingungen zu Fehlentwicklungen im Energiepflanzenanbau bei“, so Laser. Möglichkeiten der bisherigen Entwicklung entgegen zu wirken sieht Prof. Laser beispielsweise in einer verstärkten Grünlandnutzung, im Anbau mehrjähriger Kulturen und Zwischenfrüchte oder der Nutzung landwirtschaftlicher Koppelprodukte wie Stroh.
© 2011 Neue Westfälische Warburg, Mittwoch 28. Dezember 2011