„Vom Lattbergturm aus das Froschkonzert hören“
INTERVIEW: Diplom-Biologe Dr. Burkhard Beinlich und Martina Krog zum Projekt „Erlesene Natur“ bei Nieheim und Entrup
Nieheim (kö). Die Aussichtsplattform liegt am Radweg 1 zwischen Nieheim und Entrup. Sie lädt Wanderer und Radfahrer zur Rast ein und erlaubt einen ungestörten Einblick in die westliche der beiden Nieheimer Tongruben. Angelegt wurde sie vom Kreis Höxter, der hier im Rahmen seines Projekts „Erlesene Natur“ mit umfangreichen Maßnahmen ein einzigartiges Refugium für Amphibien, Vögel und viele andere Tiere geschaffen hat. Über die Besonderheiten der ehemaligen Tonabbaugebiete sprach NW-Mitarbeiter Josef Köhne mit dem wissenschaftlichen Leiter der Landschaftsstation im Kreis Höxter, dem Dipl.-Biologen Dr. Burkhard Beinlich sowie mit Martina Krog, die in der Abteilung Umweltschutz und Abfallwirtschaft des Kreises Höxter zum Projektteam „Erlesene Natur“ gehört.
Herr Dr. Beinlich, die Geschichte der Nieheimer Tongruben ist beinahe so spannend wie ein Krimi. Sie beginnt beim langjährigen Tonabbau für zwei Ziegeleien und führt über den erfolgreichen Widerstand der Bevölkerung gegen eine geplante Sondermülldeponie bis hin zum Naturschutzgebiet. Was lässt sich heute von der neuen Aussichtsplattform aus beobachten?
DR. BURKHARD BEINLICH: Wir stehen vor einem FFH- Gebiet, das zunächst Artenschutzgrube Nieheim genannt wurde. Die Plattform dient dazu, das hier Geschaffene in Wert zu setzen und der Öffentlichkeit einen Eindruck zu vermitteln.
Was ist an dieser Natur hier so erlesen?
DR. BEINLICH: Das sind insbesondere die Amphibien. Kammmolch und Laubfrosch haben hier mit die größten Vorkommen im Kreis Höxter. Deshalb steht hier auch der bei den Nieheimer Holztagen von einem Künstler gesägte Frosch.
Das ist doch nicht alles?
DR. BEINLICH: Natürlich nicht! Von diesem Punkt aus können die Bürger von Nieheim die seit etwa einem Jahr hier stehenden Wasserbüffel beobachten. Wir sind froh darüber, dass wir diese imposanten Tiere mit Hilfe eines Nieheimer Bürgers hier einbürgern konnten. Sie sind wie geschaffen für das Gebiet, weil sie es gewohnt sind, im Feuchten zu stehen und weil sie sich im Sommer gerne im Wasser suhlen. Die Wasserbüffel tragen mit ihrem Verhalten dazu bei, dass die kleinen Teiche, die wir hier im Laufe der Jahre mit finanzieller Unterstützung durch die Bezirksregierung angelegt haben, nicht so schnell verlanden. Wir denken, dass auch Touristen kommen, um sie zu beobachten.
Stören oder verdrängen die Büffel die anderen Grubenbewohner nicht?
DR. BEINLICH: Ganz und gar nicht! Früher waren die Bagger hier im Einsatz und sorgten für eine gewisse Unruhe. Das sollen jetzt die Büffel übernehmen.
Wie bitte? Sie wollen diese Unruhe?
DR. BEINLICH: Richtig! Man muss aber dazu sagen, dass die Bagger bereits etwas ersetzt haben, was früher durch die Dynamik -„Hochwässer“ - in den Flussauen entstanden ist. Das waren Verwüstungen, in denen Lebensräume für sogenannte Pionierarten immer wieder neu entstanden. Dazu gehörten der Laubfrosch, Geburtshelferkröte, Gelbbauchunke und Kammmolch. Als die Flussauen vom Menschen verbaut wurden zogen sie sich unter anderem in Ton- und Kiesgruben zurück.
Wenn ich das richtig erkenne, haben Sie auch Maßnahmen für die Vogelwelt durchgeführt!?
DR. BEINLICH: Ja, das stimmt! Vorwiegend aber in der östlichen Grube Lücking. Auch Fledermäuse fliegen hier nachts in großen Mengen umher. Das sie hier einen Lebensraum finden, ist sehr erfreulich. Der Turm, der dort neu aufgestellt worden ist, ist übrigens ein Vogelturm. Soll heißen: Wir bringen dort alle möglichen Nisthilfen an, zum Beispiel für Mehl- und Rauchschwalben. Außerdem werden hier Insektenhotels stehen. Dazu gibt es zahlreiche Hinweistafeln.
Was glauben Sie, wie viele Tierarten sich hier finden lassen?
DR. BEINLICH: Oh, das ist eine schwierige Frage. Bei den Vögeln würde ich sagen, dass es etwa 40 Arten sind. Darunter einige sehr seltene wie Flussregenpfeifer, Bekassine, Zwergschnepfe oder Waldwasserläufer. Durch den Morast, den die Büffel verursachen, finden die Watvögel bei ihren jährlichen Zügen ideale Nahrungsplätze vor. Die Steinhaufen und Mauern, die hier angelegt wurden, bieten Verstecke für Reptilien und anderes Kleingetier. Alles das dient dem Artenschutz. Sorgen bereitet uns allerdings der Waschbär. Ihm ist kaum mehr beizukommen.
Demnach „Erlesene Natur“ in gebündelter Form?
DR. BEINLICH: Ja und Nein! Eingebunden in dieses Projekt ist ja auch der Lattbergturm bei Entrup. Er ist die letzte Station, wenn man durch die Emmerauen von Steinheim nach Nieheim kommt. Auch dort soll etwas für Reptilien gemacht werden und für den Artenschutz. Im und am Turm wird es ebenfalls zahlreiche Hinweise und Informationen zur Natur und zur Artenvielfalt geben.
Frau Krog, wie stellt sich der Kreis Höxter das Projekt vor?
MARTINA KROG: Das Projekt mit dem Aussichtspunkt an den Tongruben wird später eingebunden sein in die Radroute zwischen Steinheim und Nieheim. Von Steinheim aus geht es an Emmer und Beber entlang bis Nieheim und dort zu den verschiedenen touristischen Highlights wie zum Beispiel dem Käsemuseum. Vom Lattbergturm in Entrup ist dann die Aussicht zu den Nieheimer Tongruben sowie in Emmer- und Beberauen zu genießen.
Wer wird das Angebot nutzen?
KROG: Wir denken, dass die Einheimischen die Erlebnismöglichkeiten nutzen, aber auch viele Gäste, die die Gegend für sich erschließen.
Wann steht der Turm?
KROG: Die Betonierungsarbeiten sind bereits abgeschlossen. Die Hochbauarbeiten werden nach der Aushärtung im Frühjahr folgen, sodass wir den Turm auch im Frühjahr 2012 eröffnen können.
Das war es dann, mit dem Projekt Erlesene Natur?
KROG: 2012 starten wir in unser letztes Projektjahr und haben noch viel vor. Im Mai eröffnen wir das Erlebnisgebiet Schwiemelkopf bei Körbecke im Grenzgebiet zu Hessen, bei Ossendorf entsteht ein Rundweg über die Kalkmagerrasen nahe dem Heinturm, um nur einige der geplanten Maßnahmen zu nennen.
Was erhoffen Sie sich für den Tourismus?
KROG: Wir schauen, was man auf dem Lattbergturm mit den örtlichen Vereinen anbieten kann. Wir selbst informieren umfangreich über die Angebote, über Natur und Artenschutz. Unser primäres Ziel hier und in allen anderen Projektgebieten der Erlesenen Natur ist es, Bürger und Touristen mitzunehmen, und sie durch Naturerlebnis und Information für den Naturschutz und unser Kulturland zu gewinnen.
Dr. Beinlich, worauf freuen Sie sich in diesem Kontext?
DR. BEINLICH: Ich werde Ihnen nicht alles verraten. Aber vielleicht gelingt es uns die Einweihung so zu legen, dass wir vom Lattbergturm aus das Froschkonzert in den Tongruben hören und dann gemeinsam zu den Sängern wandern.
Hintergrund zum Naturschutzgebiet
- Die Grundstücke, auf denen sich die Nieheimer Tongruben befinden, sind Eigentum des Landes NRW, das diese Flächen zu Naturschutzzwecken erworben hat.
- Die Nieheimer Tongruben wurden erstmals 1987 als Naturschutzgebiet ausgewiesen (zunächst nur die östliche Grube), die Festsetzung als NSG mit beiden ehemaligen Grubenbereichen erfolgte im Februar 2004 durch die Bezirksregierung Detmold.
- Hauptargument für die Unterschutzstellung war und ist der Schutz der heimischen Amphibienpopulation (insbesondere Kammmolch und Laubfrosch).
- Eine hohe Bedeutung haben die Tongruben auch für verschiedene Fledermaus-, Libellen- und Vogelarten, dabei vor allem das Braunkehlchen.
- Wegen seiner besonderen Bedeutung gehören die Nieheimer Tongruben auch zum europaweiten Netz schützenswerter Lebensräume, das diese so genannten FFH-Gebiete verknüpft.
- Vom Gebiet des Kreises Höxter sind 8.400 Hektar als FFH-Gebiet qualifiziert, das europäische Naturschutz-Netz ist hier besonders eng geknüpft und besticht durch die Vielfältigkeit der geschützten Lebensräume.
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FFH-Schutzziele für das Gebiet der Nieheimer Tongruben sind:
- Für den Kammmolch: Optimierung Laichgewässer, Winterquartiere und Wanderstrukturen erhalten/verbessern.
- Für das Braunkehlchen: Grünlandlebensraum erhalten, Wiesenrandstreifen und Säume anlegen, Jagd- und Singwarten schaffen, Bracheinseln schaffen/erhalten.
- Für den Laubfrosch: Population fördern und erhalten.
© 2011 Neue Westfälische Warburg, Samstag 10. Dezember 2011