Pressemeldung

Quelle: NW | Datum: 24. November 2011 | Autor: gär

Wenn die Wildkatze Baldrian wittert

Im Eggegebirge startet ein wissenschaftliches Projekt, um Bestände der seltenen Tierart zu erfassen

VON HUBERTUS GÄRTNER

Altenbeken. Der Mensch hat im Zuge der Zivilisation dafür gesorgt, dass manche Tiere ausgerottet wurden. Nahezu täglich sterben heute weltweit zahlreiche Arten. Einige seltene und streng geschützte Spezies erobern aber unsere heimischen Wälder allmählich wieder zurück. Dazu zählt die Wildkatze. Weil sie ein extrem scheues und gut getarntes Wesen ist, bekommt sie kaum jemand zu Gesicht.

Pflöcke eingeschlagen: Friederike Wolff und Karsten Hupe erforschen das Leben der Wildkatzen in OWL. FOTO: REINHARD ROHLF

„Die Wildkatze ist wieder da.“Davon ist Friederike Wolff vom Regionalforstamt Hochstift fest überzeugt. Um einen letzten wissenschaftlichen Nachweis zu führen und die tatsächliche Ausbreitung zu dokumentieren, wurde gestern im Eggegebirge unter der Leitung von Wolff ein großangelegtes Projekt gestartet, das von der Detmolder Bezirksregierung und den beiden Kreisen Paderborn und Höxter finanziert wird.

Bei dem sogenannten Wildkatzen-Monitoring werden von der hessischen Landesgrenze bis an den Kreis Lippe in großen Abständen insgesamt 150 Holzpflöcke in die Erde gerammt und mit Baldrian bestrichen. Diese Substanz soll die Wildkatzen keinesfalls einschläfern. Baldrian wirkt vor allem in der Paarungszeit (Ranz), die jetzt beginnt und bis ins Frühjahr andauert, auf die Tiere extrem anziehend. „Wildkatzen können Baldrian kilometerweit riechen“, erläutert Friederike Wolff. Haben sie Baldrian einmal in der Nase, folgen die Katzen wie von Sinnen der Duftspur und reiben sich anschließend mit ihrem Körper an den präparierten Holzpflöcken. „Dabei hinterlassen sie einige Haare“, sagt Wolf. Diese werden von dem Diplombiologen Karsten Hupe (48) und zwei weiteren Mitarbeitern des Projektes regelmäßig eingesammelt, konserviert und an das Forschungsinstitut Senckenberg bei Gelnhausen geschickt.

Dieses wissenschaftliche Zentrum ist auf die Genforschung bei Wölfen, Luchsen und Wildkatzen spezialisiert. Anhand der Wildkatzenhaare können die Wissenschaftler nicht nur erkennen, ob es sich um ein Weibchen oder Männchen handelt, sondern können die Tiere auch ihrer jeweiligen Abstammung zuordnen. Durch die Analyse erhofft man sich Erkenntnisse zum Beispiel über Wanderungen und Aktionsradien der Wildkatzen.

Erste Ergebnisse aus dem Monitoring in der Egge sollen im nächsten Frühjahr vorliegen. Niemand könne derzeit sagen, wie viele Wildkatzen es in Ostwestfalen-Lippe gibt, sagt Forstbeamtin Wolff. In den letzten drei Jahren habe es annähernd 40 Hinweise, zumeist von Jagdpächtern, gegeben, die sich vor allem auf den Teutoburger Wald, das Eggegebirge und den Weserraum bezogen. Hierher könnten die Tiere aus dem direkt benachbarten Solling gewandert sein, wo der Wildbiologe Karsten Hupe ebenfalls bereits ein Wildkatzen-Monitoring durchgeführt hat.

Ein Problem sei, dass Laien eine Wildkatze oft nicht von einer verwilderten Hauskatze unterscheiden könnten, sagt Friederike Wolff. Die Wildkatze trägt drei auffällige dunkle Ringe am Schwanz (siehe Kasten). Lange Zeit wurden Wildkatzen in Fallen gefangen oder von Jägern geschossen. Heute sind sie streng geschützt. Ihr größter Feind ist der Straßenverkehr geworden, aber auch die immer intensivere Nutzung der Landschaft schränkt ihren Lebensraum stark ein.

Dass die Wildkatze nun nach OWL zurückgekehrt ist, sei „uneingeschränkt zu begrüßen“, sagt Wolf. Es zeige, dass sich die Qualität unserer Landschaft wieder etwas verbessert habe. Es sei eine große Aufgabe, die Vielfalt der Arten zu erhalten. Angst vor der Wildkatze müsse übrigens niemand haben, sagt Wolff. Ihre Hauptspeise seien Mäuse. Weil auch der Fuchs Mäuse mag, komme es in der Natur hin und wieder zu kuriosen Balgereien. „Manchmal gewinnt der Fuchs, manchmal die Wildkatze.“

INFO

Stubentiger oder wildes Tier?

´ Wildkatzen sind in der Regel etwas größer als gewöhnliche Hauskatzen.

´ Ausgewachsene Tiere (Kuder) sind bis zu einem Meter lang und werden etwa bis zu sieben Kilo schwer.

´ Der Schwanz der Wildkatze ist dick und im Vergleich zur Hauskatze kurz. An seinem Ende hat er drei Ringe.

´ Das Wildkatzenfell hat nur wenig Konturen. Es wirkt verwaschen und dient als perfekte Tarnung.

´ Auf dem Rücken der Wildkatze befindet sich ein durchgehender schwarzer Strich. (gär)

Kann schon fauchen: Unser Bild zeigt eine acht Wochen alte Wildkatze. Nach Einschätzung von Experten leben die scheuen Tiere auch wieder in Ostwestfalen-Lippe. FOTO: DPA

   © 2011 Neue Westfälische
          Warburg, Donnerstag 24. November 2011