Pressemeldung

Quelle: NW | Datum: 15.November 2011 | Autor: sw

Profite, die am Waldrand wachsen

Modellprojekt: Artenvielfalt, Holzwirtschaft und Sicherheit zusammengebracht

VON SANDRA WAMERS

Borgentreich. Jetzt wird der Rand ins Zentrum gerückt: Über rund 64.000 Kilometer Länge erstrecken sich die Waldränder in NRW. Gute 2.000 Kilometer sind es im Kreis Höxter. Davon wurden seit 2007 fünf Kilometer neuartig aufgeforstet und mit Argusaugen untersucht. Die Bilanz: Der Waldrand ist eine zu Unrecht vergessene Schatztruhe, dessen Bewirtschaftung der Artenvielfalt, der Sicherheit und der Geldbörse dienen könnte.

„Mittelwald-ähnliche Waldrandnutzung: Biologische Vielfalt, Holznutzung und Verkehrssicherheit“, heißt das Modellvorhaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Durchgeführt wurde das Projekt seit 2007 von der Landschaftsstation im Kreis Höxter, dem Regionalforstamt Hochstift und der Gesellschaft zur energetischen Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Bei dem Modellversuch sollen Naturschutz, Verkehrssicherheit und Landschaftsästhetik unter einen Hut gebracht werden. Darüber hinaus soll sich dieser Dreiklang auch in barer Münze rechnen.

Genau das wurde in den vergangenen vier Jahren auf den fünf Kilometer langen Modell-Rändern ausprobiert. Ausgewählt wurden bewusst schwierig zu bewirtschaftende Steilhänge. Die Waldrandstücke am Bielen- und Ziegenberg bei Höxter gehören dazu, der Steinberg bei Wehrden, sowie die Selsberge und der Wandelnsberg nahe Beverungen. Dort wurde die alte Mittelwaldwirtschaft neu ausprobiert. „Und das mit viel Fingerspitzengefühl“, betont Oberforstrat Dr. Heinz Gockel, der beim Regionalforstamt Hochstift für die Privat- und Kommunalwaldbetreuung zuständig ist.

Was früher aufwändig und teuer wahr, soll sich zukünftig also richtig rechnen: Die Hege und Pflege der Waldränder. Die bis zu 50 Meter breiten Saumstreifen sollen Brenn- und Industrie- sowie später auch hochwertiges Bauholz liefern. Dafür sollen sie nach den Prinzipien der Mittelwaldwirtschaft aufgeforstet werden - wie auf den Modellflächen. „Die Waldränder wurden lichter und dadurch hat sich die Artenvielfalt zum Teil verdoppelt“, erklärt Frank Grawe von der Landschaftstation im Kreis Höxter. Und gerechnet habe sich die neue Waldwirtschaftsform auch.

Je nach Ernteaufwand würden zwischen 15 und 30 Euro Einsatzkosten pro Festmeter anfallen. „Die Nettoerlöse ergeben im Schnitt 30 Euro pro Festmeter“, erzählt Oberforstrat Dr. Heinz Gockel. Pro Kilometer legen die Erträge bei 10.000 bis 15.000 Euro - ebenfalls netto. Durchschnittlich 500 Festmeter wurden auf den Modellflächen pro Kilometer eingeholt. Zahlen, die für den ersten Durchforstungs-Durchgang gelten.

Klimaerwärmung, Kyoto-Protokoll und Kyrill - all das lasse die Nachfrage nach nachhaltigen und regenerativen Energiestoffen ansteigen. „Neben den Kosten stimmt aber auch der ökologischen Nutzen“, unterstreicht Waldexperte Gockel.

Nur ausgewählte Bäume, etwa starke Eichen, bleiben erhalten. „Wir markieren nicht wie üblich, was weg soll, sondern was stehen bleibt“, erklärt Oberforstrat Gockel. Der Waldsaum wird also lichter, damit verkehrssicherer und zugleich bunter. „Seltene Waldorchideen und Schmetterlingsarten kehren zurück“, sagt Geograph Grawe. Beispiele sind der Kleine Eisvogel oder der Schillerfalter. Darüber hinaus ziehen die ausgelichteten Waldränder stärker Reptilien an. Die Randstücke werden zu ökologischen und ökonomischen Schmuckstücken.

„Eine klassische Win-Win-Situation“, betont Naturexperte Frank Grawe. Jetzt werden Nachahmer gesucht.

Machen Saumstücke zu Schmuckstücken: Frank Grawe (l.) von der Landschaftstation im Kreis Höxter und Dr. Heinz Gockel vom Regionalforstamt Hochstift haben den ökologischen und ökonomischen Wert des Waldrandes untersucht. Die Experten-Bilanz: Die Waldrandbewirtschaftung zahlt sich aus. FOTO: SANDRA WAMERS
INFO

Der neue alte Mittelwald
Bei der Mittelwaldwirtschaft wird ein Teil der Bäume alle 20 bis 30 Jahre kurz über dem Boden abgesägt. „Auf dem Stock gesetzt“, wie der Experte sagt. Die neuen Austriebe aus dem Wurzelstock werden als Energieholz genutzt. Ausgewählte Bäume (meist Eichen) werden im Mittelwald stehen gelassen. Sie sollen später wertvolles Bauholz liefern. Daneben können auch seltene, Licht und Wärme liebende Baumarten besser gedeihen. Die Mittelwälder gehörten bis in das 20. Jahrhundert zur traditionellen Kulturlandschaft. Diese Waldwirtschaftsform wurde im Modellprojekt auf die Waldränder übertragen. (sw)

Wertvolles Randstück: Bei Beverungen wurde eine Modellfläche nach der Mittelwaldwirtschaft aufgeforstet. Auffällig ist das Buschwerk und die freistehenden Bäume. FOTO: NW/HEINZ GOCKEL
   © 2011 Neue Westfälische
          Warburg, Dienstag 15. November 2011