Rettungsaktion für die Nethe-Äsche
Akut vom Aussterben bedrohter Fischstamm wird in Zuchtanlage vermehrt
Kreis Höxter/Ovenhausen (das). Einst war sie der Charakterfisch der Nethe – die Äsche. Bis in die 1990er Jahre war der bis 60 Zentimeter lange Fisch dort häufig anzutreffen. Heute muss man lange suchen um fündig zu werden. Nun startet die Landschaftsstation gemeinsam mit der Fischereigenossenschaften, Fischereivereinen und der DLRG ein Programm zur Bestandssicherung der Fischart.
Die Ursachen für den Rückgang der Äsche in der Nethe sind vielfältig: „Der mit Forelle und Lachs verwandte Fisch reagiert auf Gewässerbelastungen sehr empfindlich und bevorzugt reich strukturierte Gewässer mit einem Wechsel von schnell- und langsam fließenden Abschnitten, Flachwasserbereichen und tiefen Kolken“, erklärt Diego Krämer von der Landschaftsstation im Kreis Höxter. Zur Fortpflanzung ist der Fisch weiterhin auf von schnell fließendem Wasser über- und durchströmte Kiesbänke angewiesen – was die Nethe lange bot.
Bei genauerem Hinschauen wird aber deutlich, dass insbesondere die Kiesbänke sich heute in keinem guten Zustand mehr befinden. Von angrenzenden Äckern gelangt bei starkem Regen oder Hochwasser Feinsediment in den Fluss, der das Lückensystem in der Kiesbank verstopft. „Der Boden wird im Laufe der Jahre unglaublich hart. Für Kieslaicher wie die Nethe-Äsche bedeutet das, das sie keinen geeigneten Laichplatz mehr finden“, erläutert Ulrich Wycisk von der Kreisverwaltung, der die Gewässerprojekte des Kreises betreut.
Die Folge: Die Eier und Larven werden nicht mehr von sauerstoffreichem Wasser umspült und sterben ab. Der Äsche fehlt es am Nachwuchs. „Seit gut zehn Jahren wirkt sich zudem der Kormoran negativ auf den Äschenbestand aus. Dies gilt nicht nur für die Nethe, sondern ebenfalls für Diemel oder Emmer“, sagt Krämer.
Jüngst durchgeführte genetische Untersuchungen an der Universität München haben gezeigt, dass sich die Äschen in der Nethe deutlich von den benachbarten Populationen in den anderen Zuflüssen der Weser unterscheiden. Sollte die Nethe-Äsche aussterben, gehen eventuell wichtige genetische Informationen für immer verloren. „Die Nethe-Äsche gilt als besonders alter und robuster Stamm und ist deshalb erhaltenswert“, sagt Wycisk.
Um das Aussterben zu verhindern, hat sich eine Allianz gebildet, die sich die Rettung der Nethe-Äsche auf die Fahnen geschrieben hat. Bereits seit 2010 werden durch Mitarbeiter des Gewässerprojektes des Kreises die Lückensysteme ausgewählter Kiesbänke von den Feinsedimenten freigewaschen. „Mit Feuerwehrschläuchen haben wir an sechs bis sieben Stellen auf einer Länge von bis zu 30 Metern den Kies wieder freigespült“, erklärt Wycisk. Außerdem wurden mit Totholz und Steinbrocken Fischunterstände geschaffen, in die sich die Äsche bei Angriffen des Kormorans flüchten kann.

Im März wurden diese Arbeit weitergeführt, um die Äschen weitere geeignete Laichplätze bereit zu stellen. In Zusammenarbeit von Fischereigenossenschaften, Fischereivereinen, der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft und der Landschaftsstation wurden zudem laichbereite Äschen abgefischt, um Jungfische unter kontrollierten Bedingungen in der Fischzuchtanlage Horres in Ovenhausen heranziehen zu können.
Die hohe Mortalität in der freien Natur soll so reduziert werden – die Jungfische werden zur Stützung des Bestandes in der Nethe wieder ausgewildert. „Ein Teil der Jungfische soll aber in der Fischzuchtanlage bleiben, um dort den zukünftigen Stamm für Nachzuchten zu bilden“, so Krämer. Ohne eine finanzielle Unterstützung seitens der Bezirksregierung wären die recht aufwändigen Arbeiten trotz großen ehrenamtlichen Engagements nicht möglich gewesen.
Da darüber hinaus noch weitere flankierende Maßnahmen vereinbart wurden besteht berechtigte Hoffnung, dass es für die Nethe-Äsche eine Zukunft gibt. So gilt beispielsweise ein Entnahmeverbot für Äschen aus der Nethe. Außerdem wird aktuell wird ein Katalog erarbeitet, in dem sinnvolle Maßnahmen für die Äsche im Rahmen der Gewässerunterhaltung zusammengefasst werden.
Inzwischen sind erste Erfolge sichtbar: „Auf den freigespülten Fischbänken haben sich viele Bachneunaugen angesiedelt, die ebenfalls bedroht sind. Das zeigt, dass die Kiesflächen sehr gut angenommen werden“, sagt Wycsik. Er hofft, dass mit diesem Projekt die Nethe-Äsche für nachfolgende Generationen erhalten wird – und vielleicht auch die Lachse zurückkehren.
Elektrofischerei
- Da die wenigen Äschen in der Nethe schwer zu fangen sind, wurde die Elektrofischerei eingesetzt.
- Bei dieser Methode wird durch das Wasser ein Gleichstrom geleitet, wobei die im Stromkreis befindlichen Fische zur Anode schwimmen, wo sie eingesammelt werden können.
- Die Fische werden dabei nicht getötet.
- Da die Elektrofischerei hohes Gefahrenpotential birgt, darf sie nur angewendet werden, wenn der Fänger eine Genehmigung der Fischereibehörden besitzt und eine entsprechende Prüfung abgelegt hat.
© 2011 Neue Westfälische Warburg, Donnerstag 06. Oktober 2011