Faszination Wolf
Naturschutzbund-Experte berichtet vom Rückkehrer
VON SIMONE FLÖRKE
Warburg/Sababurg. Es sei der Hund, der die Brücke vom Menschen zum Wolf schlage, sagt Markus Bathen, Wolfs-Experte vom Naturschutzbund Deutschland (NABU), der das Projekt Willkommen Wolf ins Leben gerufen hat. Bathen berichtet vom Miteinander von Zwei- und Vierbeinern bundesweit in Vorträgen, klärt auf und wirbt für den Rückkehrer. „Und es ist das soziale Miteinander dieser Tiere, die untereinander so vielfältig kommunizieren.“ Faszination Wolf.
Die war auch bei den Sababurger Wolfsnächten zu spüren, als sich Hunderte Interessierte auf der Aussichtskanzel oberhalb des Sababurger Wolfsgeheges drängten, um die Fütterung der neun prächtigen Urahnen des Hundes mitzubekommen. Acht Rüden und ein weibliches Tier, erklärt Dieter Sellemann, Erlebnisführer im Tierpark, der auch dieser Faszination für den Wolf erlegen ist und viel Aufklärungsarbeit bei den Tierpark-Besuchern und als Jäger auch in der Jägerschaft leistet.
Er kennt auch den vor wenigen Wochen tot aufgefundenen wilden Wolf im Reinhardswald, ist ihm sogar zweimal begegnet. Noch sei nicht klar, weshalb der aus der Lausitz nach Nordhessen und auch nach Ostwestfalen (Borgentreich) gewanderte Wolf gestorben ist. „Vielleicht hat er sich mit einer Bache angelegt, die ihre Frischlinge verteidigen wollte“, mutmaßt Sellemann. Oder die Begegnung mit einem Auto. „Er wurde nur 500 Meter neben der Straße gefunden.“ Die Untersuchungen zur Todesursache laufen. Klar sei, dass es keine Schussverletzung und kein Gift gewesen seien. Die letzte Spur von Isegrim: Ein tiefes Heulen im Chor mit den Sababurger Wölfen, das Mitte Februar während einer Vollmond-Führung am Tierpark zu hören war (die NW berichtete).
Während die Sababurger Tierpark-Wölfe als Rudel einen Alpha- und einen Omega wolf in ihren Reihen haben, leben die wilden Wölfe im Osten Deutschlands in Familienverbänden, berichtet Sellemann: Die Eltern mit den Welpen des Jahres und des Vorjahres. Kommen weitere Welpen, wandern die ältesten in neue Reviere ab. „Die Wölfin im Umkreis von 250 Kilometern um ihren Geburtsort, die Rüden über längere Strecken.“ So sei auch der wilde Wolf in den Reinhardswald eingewandert. Weitere in die Lüneburger Heide oder nach Schleswig Holstein. Vor einigen Woche sei ein Wolf bei Gießen von einem Auto angefahren worden, erzählt er. Analysierte Haare von der Stoßstange des Fahrzeugs zeigten: „Er kam aus Norditalien.“ Sellemann ist sicher: Die Wölfe werden wiederkehren und sich auch bei uns ausbreiten. „Es soll jetzt eine Wolfspopulation bei Magdeburg geben, das ist nicht weit entfernt.“
„Willkommen Wolf“, so hat der NABU das Wolfs-Projekt überschrieben. Markus Bathen macht deutlich, wie wenig das tradierte Bild des Wolfes mit der Wirklichkeit gemeinsam hat: Weder die Dämonisierung noch die übermäßige, beinahe schon religiöse Verherrlichung hätten etwas mit dem Wildtier Wolf zu tun. „Aber der Mensch ist empfänglich für die plakative Einordnung des Wolfes.“ Und die Angst werde vielen mit Rotkäppchen in die Wiege gelegt.
Der Wolf steht auf die Rote Liste der bedrohten Tierarten und ist heute in Deutschland streng geschützt. Die Wanderungfreude stecke in der Biologie des Rückkehrers, der seine natürliche Nische in unserem Ökosystem habe. „Neu ist, das wir es ihm erlauben, hier zu bleiben und sich fortzupflanzen.“ Das Erholen der Bestände – eine europaweite Entwicklung. Gründe dafür: „Die wieder großen Wälder, die regulierte Jagd und damit ausreichende Nahrung, dazu der gesetzliche Schutz und die natürliche Wanderfreudigkeit.“ Heute könne man Dank Navigationsgerät mit Handy am Halsband dem Wolf durch ganz Europa folgen. Bathen betont: „Der Wolf braucht keine Wildnis. Er ist ein sogenannter Kulturfolger.“ Landschaftsanalysen hätten das Potenzial für Wölfe in deutschen Regionen aufgezeigt: „Der Reinhardswald hatte lange Jahre sogar nur ein geringes Potenzial für seine Ansiedlung.“
Bathen, der im Bereich der brandenburgischen und sächsischen Region im Projektbüro arbeitet, erklärt den Zuhörern, dass es in der sogenannten deutsch-westpolnischen Population mittlerweile zwölf Rudel gibt mit mindestens 44 erwachsenen Tieren (Stand: 2. Mai 2011). Die Anzahl der Tiere bleibe in einem Revier gleich. „Acht Wölfe eines Familienverbandes besetzen ein Areal von 300 Quadratkilometern. Eine geringe Dichte wenn an bedenkt, dass das Stadtgebiet München 310 Quadratkilometer groß ist und dort 1,3 Millionen Menschen drängen.“
Ohne Mythen und Märchen
Sachliche Argumente, Aufklärung und Diskussion über diese „konfliktträchtige Tierart“ sind für den Experten wichtige Elemente, um ein Miteinander von Mensch und Wolf zu ermöglichen. Markus Bathen erklärt den Herdenschutz mit bestimmten Zäunen oder die Aufgaben der Herdenschutzhunde und macht klar, dass der Wolf nicht Konkurrent des Jägers sei, sondern „ein neuer Jagdkumpan“: „Die Jagdstrecke ist immer noch 200 Prozent höher als die Wolfsbeute. Und die Natur bietet einen Überschuss an Wild.“ Der NABU-Experte ist sicher, dass ein wissenschaftlich fundiertes Wolfsmanagement in allen Bundesländern notwendig ist: „Mythen und Märchen helfen nicht. Aber wir haben gute Chancen auf eine Rückkehr, wenn sich der Wolf weiter so entwickeln wird wie in den vergangenen zehn Jahren.“
www.tierpark-sababurg.de, www.willkommen-wolf.de, www. wolfsregion-lausitz.de
© 2011 Neue Westfälische Warburg, Dienstag 17. Mai 2011